29.05.2017

Vier-Länder-Treffen in Kopenhagen

Erfahrungsaustausch zu Antibiotika und Corporates

Vier-Länder-Treffen 2017

Weg vom Tonnen zählen, hin zu einer gezielten Resistenzminimierung – auf ihrem traditionellen Vier-Länder-Treffen in Kopenhagen stellten die Tierärzteverbände aus Dänemark (DDD), Frankreich (SNVEL), den Niederlanden (KNMvD) und Deutschland (bpt) einmütig fest: Beim Thema Antibiotika muss der Fokus künftig auf einem effektiven Resistenzmonitoring sowie gezielten Maßnahmen zur Minimierung von Resistenzen liegen. Setzt die Politik dagegen weiter auf reine Mengenreduzierung, erschwert das die Behandlung kranker Tiere erheblich.

Vergleichbare Erfolge

Jedes der vier Länder hat inzwischen erfolgreiche Antibiotikaminimierungskonzepte etabliert. Zwar unterscheiden sich Methoden und Messgrößen, doch die Ergebnisse sind vergleichbar: Ob Therapieindex in Deutschland, Gelbe-Karten-System in Dänemark oder das Ampelsystem in den Niederlanden – die Verfahren adressieren die gleichen „Gruppen“. Das zeigt eine deutsche Doktorarbeit, die die Verordnungsdaten deutscher Nutztierhalter mit den Vorgaben der drei Systeme auswertete: Stets wurde die gleiche Gruppe der Vielverbraucher identifiziert.   Entsprechend haben die Länder auch vergleichbare Erfolge bei der Mengenreduzierung vorzuweisen.

So ist in Deutschland der Antibiotikaeinsatz in der Tiermedizin seit 2011 um 53 Prozent (- 901 Tonnen) zurückgegangen und in den Niederlanden seit 2009 um 64,4 Prozent. Auch Frankreich hat seit 2012 eine Reduzierung um 20 Prozent erreicht.  

Die Dänen liegen schon seit 2004 bei einem Einsatz von etwa +/- 100 Tonnen pro Jahr. Sie versuchen aktuell ganz gezielt die Verwendung bestimmter Wirkstoff e mit „Straff aktoren“ noch weiter zu reduzieren: So wird der Einsatz von Cephalosporinen (3./4. Generation), Fluorchinolonen und auch Colistin mit dem Faktor 10 belegt, Tetrazykline mit 1,5, andere Antibiotika nur mit 1. Das bedeutet: Wer „Reserveantibiotika“ einsetzt, würde 10-mal so schnell die Verwarnungsgrenze erreichen. Das Beispiel Dänemark zeigt aber auch: Eine niedrige eingesetzte Antibiotikamenge bedeutet eben nicht zugleich eine niedrige Resistenzrate. Aktuelle Untersuchungen sagen, dass trotz der langjährigen rigiden dänischen Antibiotikapolitik 80 Prozent der Schweine im Land MRSA-Träger sind.  

Die Tierarztverbände erwarten deshalb von der Politik, dass sie diese Entwicklung erkennt und bei der Gestaltung der gesetzlichen Rahmenbedingungen berücksichtigt.

Antibiotika-Resistenzmonitoring

Ein Ansatz wäre ein umfangreicheres und stärker regionalisiertes Resistenzmonitoring. Dazu wollen die Verbände zusammentragen, wer in den jeweiligen Ländern über Daten zur Resistenzlage bei pathogenen Keime verfügt. Neben den staatlichen Monitoringprogrammen – in Deutschland etwa dem ‚GERMAP‘-Resistenzatlas oder dem Dänische Pendant ‚Danmap‘ – könnten das auch Labor-Unternehmen und große Tierarztpraxen sein. Ziel müsse es sein, diese Resistenzdaten zusammenzuführen und (anonymisiert) verfügbar zu machen. Die Niederländer arbeiten an einem Projekt, das den Tierärzten solche Resistenzdaten pathogener Keime in einer App regional bereitstellt – jeweils kombiniert mit Behandlungsleitlinien. Länderübergreifend angelegt, wäre es mit EU-Mittel förderfähig.  

Im Ergebnis könnten Tierärzte dann sehr gezielt und schnell das potentiell wirksamste Antibiotikum einsetzen. Anders als die bisherigen Minimierungsvorgaben, würde dies sowohl die Behandlung der Tiere verbessern als auch die Ausbreitung von Resistenzen eingrenzen.

Angestellte und Corporates: Auswirkungen auf Tierärzteverbände?

Zwei Trends, die einander unterstützen, verändern derzeit die tierärztliche Praxislandschaft ebenso schnell wie die Struktur der Berufsverbände – und das europaweit: Immer weniger Tierärzte wollen sich in eigener Praxis niederlassen, immer mehr als Angestellte arbeiten. Parallel entstehen Praxisketten, die genau diese Arbeitsplätze anbieten. Wie wirken sich diese Entwicklungen auf den Berufsstand aus?

In Deutschland spielen die Ketten absolut gesehen bei rund 10.000 Praxen (noch) eine untergeordnete Rolle: Neben der deutschen Franchisekette Smartvet (21 Standorte) sind hierzulande AniCura (24 Praxen/Kliniken) und Evidensia (7 Praxen/ Kliniken) aktiv. Die beiden aus Schweden kommenden Ketten gehören Investmentfonds (siehe Kasten) und agieren inzwischen in bis zu acht europäischen Ländern.  

Die Aktivitäten auf dem stark umkämpften niederländischen Praxismarkt zeigen aber die Richtung der Entwicklung: Schon länger gibt es dort einheimische Franchise- Ketten. Neben AniCura und Evidensia hat auch die börsennotierte britische Tierarztkette CVS im Nachbarland sechs Praxen gekauft. Außerdem gibt es Berichte, dass Investoren in Nutztierpraxen einsteigen wollen. Die britische Origin-Group, ebenfalls einem Investmentfonds gehörend, ist ein Kandidat. Bei rund 1.200 Tierarztpraxen haben die Ketten in den Niederlanden aktuell etwa zehn Prozent Marktanteil – auf Standorte bezogen. Der Anteil am Umsatz liegt deutlich höher, ebenso wie der Anteil der dort beschäftigten Tierärzte.  

In Frankreich stehen die Ketten noch ganz am Anfang. Die Gesetzgebung ist dort sehr restriktiv und verlangt eine tierärztliche Mehrheit in Praxisgesellschaften. Dr. Christophe Buhot, der ehemalige FVEPräsident aus Frankreich, erwartet aber, dass sich dies mit dem als sehr marktliberal geltenden neuen französischen Präsidenten Emmanuel Macron ändern könnte.  

In Dänemark als skandinavischem Land sind die beiden schwedischen Ketten besonders aktiv. Mit zusammen 18 Kliniken (von insgesamt 800 Praxen in Dänemark) stellen sie etwa 6 - 7 Prozent am gesamten Umsatzvolumen im Kleintierbereich.  

Auf diese Veränderungen müssen auch die Tierärzteverbände reagieren: Der Dänische Tierärzteverband (DDD) hat sich zum Jahresanfang 2017 neu strukturiert; in den Niederlanden will sich die KNMvD im Jahr 2018 eine neue Struktur geben. In beiden Verbänden können (dann) neben Praxisinhabern und angestellten Tierärzten als „natürliche Personen“ auch Tierarztunternehmen (unterschiedlicher Rechtsform) Mitglied sein. Die Verbände wollen so sicherstellen, dass sie politisch die Interessen aller Tierärzte vertreten können. Die Tierarztunternehmen wiederum wollen in diesen Ländern bewusst Teil des Berufsstandes sein. Auch der bpt arbeitet an Ideen für eine neue Mitglieder- und Beitragsstruktur (Satzungskommission), die auf die Veränderungen der Branche reagiert. Die Mitgliederversammlung am 19. Oktober auf dem bpt-Kongress in München soll dazu erste Vorschläge diskutieren.

Aufgepasst!

Die schwedischen Steuerbehörden haben eine für Private-Equity-Investmentfonds dramatische Entscheidung getroffen. Sie sollen Gewinne aus der Übernahmen und dem Verkauf von Unternehmen mit dem höchsten Einkommenssteuersatz von 57 Prozent versteuern müssen – und das auch rückwirkend. Die Steuerbehörde betrachtet die Erträge nicht als Kapitalgewinn, sondern als Einkommen der Partner der Fonds.
Thomas von Koch, Geschäftsführer von EQT AB – dem größten Private- Equity-Fonds in Skandinavien, der auch die Tierarztketten Evidensia und Independent Vetcare (IVC) besitzt – sagte, er sei von dem Urteil geschockt. Dies bedeute für den Sektor einen Erdrutsch.
Es ist völlig unklar, was die Private- Equity-Fonds den Steuerbehörden noch schuldig sind. Es kann um Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden gehen.